Harriet Dart überrascht sich selbst

Die „AK ladies open“ bleiben eine Wundertüte. „Wir haben ein so ausgeglichenes Feld, da kann jeder gewinnen“, hatte Turnierdirektor Razvan Mihai zu Wochenbeginn gemutmaßt. Alle? Ja, alle. Schon zum dritten Mal in fünf Jahren jubelte am Sonntagnachmittag nach dem Einzel-Finale eine Qualifikantin. Nach Iryna Shmynovich bei der Premiere im Jahr 2014 und Bibiane Schoofs vor zwölf Monaten setzte sich diesmal Harriet Dart im SRS-Sportpark durch. „Ich habe heute ein gutes Spiel gezeigt“, freute sich die 21-Jährige nach dem Zwei-Satz-Sieg (7:6, 6:2) über die Tschechin Karolina Muchova.

Karolina Muchova führte im ersten Finalsatz schnell mit 4:1, konnte diesen Vorsprung aber nicht nutzen.

Dart wird sich an die Woche von Altenkirchen gerne zurückerinnern. Inklusive Doppel bestritt sie an neun Tagen acht Partien mit einem unerwarteten Ende. „Als ich herkam, habe ich niemals damit gerechnet, dass ich das Turnier gewinnen kann. Ich wollte einfach von Spiel zu Spiel denken. Mir ist es gelungen gutes Tennis zu spielen“, meinte die Londonerin. Zwei Sätze gab sie im Einzel ab, in der Qualifikation gegen Akgul Amanmuradova und im Halbfinale gegen Mandy Minella. Mit 1:6 hatte sie den ersten Durchgang gegen die erfahrene Luxemburgerin abgegeben. Andere lassen da vielleicht die Köpfe hängen, nicht so die Nummer 303 der Weltrangliste, die nach ihrem Sieg im Westerwald die 300er-Grenze überflügeln wird. „Ich habe für jeden Punkt gekämpft“, erinnert sie sich an die Partie gegen Minella.
Die Engländerin kann mit Rückständen umgehen. Die Vorschlussrundenbegegnung war der erste von zwei Beweisen dafür. Das Endspiel begann ähnlich. Karolina Muchova schaffte früh zwei Breaks und führte schnell mit 4:1. „Ich bin nicht gut reingekommen. Hoffentlich hat meine Mutter das nicht im Livestream gesehen“, schmunzelte Dart. Aber dann drehte sie auf und gewann vier Spiele in Folge zur 5:4-Führung. Einen Satzball vergab sie bei Muchovas Aufschlag, im Tiebreak nutzte sie schließlich den dritten.
Durchgang Nummer zwei verlief einseitiger, ähnlich wie im zuvor einzigen Duell zwischen beiden Finalistinnen vor gut einem halben Jahr auf dem Rasen von Surbiton, als Dart mit 6:0 und 6:2 gewann. Muchova hatte jetzt erneut keine Chance mehr. Dart führte schnell mit 4:0 und ließ sich diesen Vorsprung nicht mehr nehmen. Der dritte Matchball war es, der das Turnier beendete. Muchovas Return nach Darts zweitem Aufschlag segelte ins Aus – die Entscheidung. „Ich bin natürlich enttäuscht und traurig, dass es nur der zweite Platz wurde. Aber trotzdem war es eine tolle Turnierwoche für mich“, so die Unterlegene.
Für Harriet Dart bedeutete der Triumph auf der Glockenspitze den größten Turniersieg ihrer bisherigen Karriere. Zwei Erfolge bei 10 000-Dollar-Turnieren in Sharm El Sheikh und Djibouti (beide 2014) standen bislang in ihrer Vita, in Altenkirchen erklomm sie nun ein neues Level. Eine Pause gönnt sie sich nicht. Die Tour im internationalen Tennis-Zirkus setzt sich ohne Unterbrechung fort. Die nächsten zwei, drei Tage will Dart in Istanbul trainieren, und ab dem 5. März geht’s für sie im japanischen Yokohama mit dem nächsten Turnier weiter. Auch dieses ist mit 25 000 Dollar dotiert. Dass die Engländerin auf diesem Niveau eine gute Rolle spielen kann, weiß sie seit den AK ladies open.

Marcinkevica/Piter gewinnen das Doppel kampflos

Um 12 Uhr standen Valentini Grammatikopoulou und Maryna Zanewska nebeneinander im Turnierbüro. Grammatikopoulou nach einer Trainingseinheit im Tennis-Outfit, Zanevska in dunkelgrünem Pullover, Jeans und grauen Stiefeln. Die Kleiderordnung der Belgierin machte deutlich, dass sie an diesem Tag nicht mehr auf dem Burgwächter-Matchpoint stehen wird. Drei Stunden später hätte das Doppel-Endspiel die fünften „AK ladies open“ beenden sollen, aber das an Position eins gesetzte Doppel holte bereits jetzt sein Preisgeld ab.
Die Grippewelle macht eben auch nicht vor den Tennisspielerinnen halt, unter der Woche hatte es Zanevska erwischt. Am Samstagnachmittag gab sie bereits das Einzel-Halbfinale beim Stand von 1:3 gegen Karolina Muchova auf, aber noch bestand die Hoffnung, dass über Nacht eine Besserung eintritt. Vergebens. „Ich habe alles versucht, um schnell wieder fit zu werden, aber leider hat die Zeit nicht gereicht. Es tut mir leid für die Zuschauer und die Turnierorganisatoren“, bedauerte die 24-jährige Belgierin ihre Abmeldung, durch die Diana Marcinkevica und Katarzyna Piter die größeren Siegertrophäen in Empfang nahmen, ohne am Sonntag rangemusst zu haben. Der knappe Halbfinalsieg gegen Harriet Dart und Ayla Aksu am Samstag (3:6, 6:2, 11:9) bedeutete den Turniersieg für die Kombination aus Lettland und Polen. „Wir hätten in diesem ausgeglichenen Halbfinale auch leicht auf der Verliererseite stehen können“, sagte Piter. „Wir haben zum ersten Mal gemeinsam ein Turnier bestritten und sind schnell zu einem Team zusammengewachsen. Es hat sich gelohnt, um jeden Punkt zu kämpfen.“ Es waren Punkte für den Turniersieg, wie sich ein Tag später herausstellen sollte. Harriet Dart und Ayla Aksu fehlten nur ein paar Zentimeter, und sie hätten bei der Siegerehrung an der Stelle ihrer Gegnerinnen gestanden. Beim 9:8 im Match-Tie-Break hatten die Engländerin und die Türkin Matchball. Dart jubelte bereits, aber Stuhlschiedsrichter Alexander Franke sah den Ball nach dem Angriffsschlag im Aus. Zwei Minuten später jubelten Marcinkevica/Piter. „Wir hätten am Sonntag gerne gespielt, wir waren bereit“, machte Diana Marcinkevica deutlich, dass sie das Finale lieber bestritten als kampflos gewonnen hätte.