Abenteuer Tennis-Schiedsrichter

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Mackenstein: „Wir können nur jeden ermutigen, das ‚Abenteuer Schiedsrichter‘ zu starten“

Seit mehr als 20 Jahren ist Patrick Mackenstein im Schiedsrichterwesen tätig. Nach seiner Zeit als Stuhlschiedsrichter ist der 42-Jährige DTB-Referent für Regelkunde und Schiedsrichterwesen heute als internationaler Oberschiedsrichter und Chief Umpire tätig. Der erst 26-jährige Tim Claußen ist Teil der Ausbildungskommission der Deutschen Tennis Schiedsrichter Vereinigung und als internationaler Stuhlschiedsrichter bei vielen Turnieren im Einsatz. Im Interview geben beide interessante Einblicke in die Schiedsrichtertätigkeit und Nachwuchsarbeit.

Herr Mackenstein, welche Eigenschaft ist für einen Schiedsrichter am wichtigsten – die Sehstärke?

PM: Sicherlich braucht man bei der heutigen Geschwindigkeit mancher Tennismatches ein gutes Sehvermögen. Wenn man international arbeitet, wird man auch regelmäßig daraufhin getestet. Brillen- und Kontaktlinsenträger sind natürlich ebenfalls willkommen. Hauptsache mit Sehhilfe liegt die Sehkraft bei 100%. Es gibt aber weitere wichtige Eigenschaften, wie z. B. eine hohe Konzentrations- und Kommunikationsfähigkeit. Und nicht zuletzt: Spaß am Tennissport hat noch nie geschadet (lacht).

Herr Claußen, Sie bilden junge Schiedsrichter*innen aus. An wen müssen sich potentielle Kandidat*innen wenden, um sich bei Ihnen in die Ausbildung zu begeben?

TC: Als Koordinator der „Junior Group“ betreue ich das Gemeinschaftsprojekt des DTB und der Deutschen Tennis Schiedsrichter Vereinigung (DTSV) zur Förderung talentierter Nachwuchsschiedsrichter*innen. Voraussetzung zur Aufnahme in diese Gruppe ist zunächst das Bestehen der ersten Schiedsrichterprüfung (D-/C-SR-Lizenz) im jeweiligen Landesverband. Ansprechpartner hierfür ist der Regelreferent des jeweiligen Landesverbandes. Danach kann die Meldung zur Junior Group erfolgen.

Was genau kann man sich unter der Junior Group vorstellen?

TC: Die Junior Group ist eine Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Schiedsrichter*innen in besonderer Weise zu fördern. Sie unterstützt und begleitet sie beim Übergang vom regionalen Tennisbetrieb zu ersten Schritten auf internationalem Terrain. Einmal im Jahr findet ein Seminar statt, bei denen die Teilnehmer*innen neben theoretischen Einheiten auch die Möglichkeit bekommen, bei einem Turnier auf dem Schiedsrichterstuhl zu sitzen. Betreut werden sie dabei von international erfahrenen Kolleg*innen. Zudem bieten wir den Teilnehmer*innen auch neben dem Platz immer wieder exklusive Einsatzmöglichkeiten als Schieds- und Linienrichter*innen an, teilweise sogar schon im Ausland.

Hat Ihre Schiedsrichterkarriere auch in der Junior Group angefangen?

TC: Tatsächlich war ich 2011 selbst Mitglied der Junior Group. Ich erinnere mich immer wieder gerne an mein Seminar zurück, das damals am Rande der „Friedberg Open“ stattgefunden hat. Supervisor des Turniers war Sören Friemel, der heute als „ITF Head of Officiating“ bekannt ist – also die oberste Instanz im weltweiten Schiedsrichterwesen. Damals war Sören auch schon Supervisor bei den Grand Slams und für mich als sehr junger Schiedsrichter war es natürlich superspannend, direktes Feedback von ihm zu bekommen.

Sie sind heute 26 Jahre, 2011 waren Sie vermutlich erst 17. Gibt es ein Mindestalter für die Ausbildung als Schiedsrichter*in?

In der Tat sehen die Ausbildungsrichtlinien ein Mindestalter vor, welches bei 14 Jahren liegt. Allerdings war ich damals mit 17 Jahren einer der jüngsten Teilnehmer.

Herr Mackenstein, was waren Ihre ersten Schritte als Schiedsrichter?

PM: Meinen ersten Einsatz als Linienrichter hatte ich 1998 beim World Team Cup in Düsseldorf. Da spielten damals die ganz großen Namen und man war hautnah dabei. Parallel dazu hat es mich dann gereizt, eine Stuhlschiedsrichterausbildung zu machen. Zunächst in meinem Landesverband und danach bei den zentralen DTB-Lehrgängen. So ging es Schritt für Schritt weiter bis hin zu internationalen Lizenzen. Später kam der „Chief of Officials“ hinzu, der sich bei großen Turnieren um die Organisation der Linienrichter kümmert. Dann folgte die Lizenz als internationaler Oberschiedsrichter.

Die Arbeit des Schiedsrichters ist häufig ein Hobby. Wie vereinbaren Sie dies mit Ihrem Beruf?

PM: Zurückblickend hätte ich nie gedacht, dass ich dem Tennissport so lange in unterschiedlichen Funktionen verbunden bleibe. Aber es ist eine tolle Tätigkeit, bei der ich vielfältige und wertvolle Erfahrungen sammele – wahrscheinlich ist es mehr als nur ein Hobby. Wenn man so mit Freude dabei ist, finden sich mit dem Arbeitgeber auch Wege, beides unter einen Hut zu bringen. Bei mir funktioniert das sehr gut.

Und wie ist das bei Ihnen, Herr Claußen?

TC: Ich befinde mich in den letzten Zügen meines Studiums und hatte die letzten Jahre glücklicherweise eine gewisse Flexibilität was meine Zeitplanung angeht. So konnte ich auch mal für das eine oder andere Turnier während des Semesters fehlen. Allerdings bedeutete das auch oft, dass ich einiges im Selbststudium nachholen musste. Doch das habe ich immer gerne gemacht, nicht nur weil ich mir mit der Arbeit als Schiedsrichter den Großteil meines Studiums finanzieren konnte, sondern weil jedes Turnier etwas Besonderes war, egal ob man gute Freunde wiedergetroffen hat oder neue Menschen und Orte kennenlernen durfte.

Herr Mackenstein, was motiviert Sie, den Job als Schiedsrichter zusätzlich zu Ihrem Beruf auszuüben?

PM: Wie Tim gerade schon erwähnte, sind es auch bei mir die Kontakte zu den vielen Officials und die unterschiedlichen Orte, an denen man sein kann. Das weiß man gerade jetzt in Corona-Zeiten noch mehr zu schätzen. Ich möchte aber auch meine Erfahrungen weitergeben, die ich bisher sammeln durfte. Junge Menschen für den Job als Schieds- oder Linienrichter*in zu begeistern – das ist meine größte Motivation, sei es in den Ausbildungsseminaren oder auf den Turnieren. Bei jedem Turnier kommt ein neues, häufig internationales Team zusammen. Manche Leute kennt man schon, andere noch nicht. Zudem muss man sich auf verschiedene Charaktere einstellen. Neben der Gewährleistung des sportlichen Ablaufes ist erfolgreiches Teambuilding die spannende Herausforderung. Wenn sich innerhalb einer kurzen Zeit eine tolle Stimmung entwickelt, weil alle auf ein Ziel hinarbeiten, dann ist die Turnierwoche sehr gut gelaufen!

TC: Ich kann das nur unterstützen. Als Schiedsrichter*in geht man einer Tätigkeit nach, die wirklich Spaß macht. Da ich schon sehr jung begonnen habe, stelle ich rückblickend immer wieder fest, dass die Tätigkeit für meine Persönlichkeitsentwicklung sehr förderlich war. Dazu gehören Eigenschaften wie Kommunikationsfähigkeit, Selbstbewusstsein oder Sprachkenntnisse, die ohne die zahlreichen über die Welt verteilten Einsätze vermutlich weniger ausgeprägt wären. In meiner heutigen Ausbildungsfunktion ist es mir wichtig, diese Erfahrungen mit unserem Nachwuchs zu teilen.

Es gibt Schiedsrichter*innen, darunter auch namhafte deutsche Vertreter, die ausschließlich als Schiedsrichter*innen arbeiten und auch davon leben. Haben Sie jemals darüber nachgedacht, Ihren Job an den Nagel zu hängen, um 30 Wochen im Jahr als Schiedsrichter unterwegs zu sein?

PM: Wenn wir die besondere Corona-Situation in diesem Jahr ausklammern, verfügen wir in Deutschland über einen ausgeprägten Turnier- und Wettspielbetrieb. Für die Bundesligen sowie die nationalen und internationalen Turniere werden Schiedsrichter*innen auf allen Ebenen benötigt. Wir können nur jeden ermutigen, den Schritt zu wagen und das Abenteuer „Schiedsrichter*in“ zu starten. Ich denke, so war auch der Einstieg bei unseren beiden Gold-Badges (höchste internationale Schiedsrichterlizenz, Anmerk. d. Redaktion) Miriam Bley und Nico Helwerth. Dass sich ihre Karrieren bis zur höchsten Profischiedsrichtertätigkeit entwickeln würden, hätte wahrscheinlich am Anfang keiner von beiden gedacht. Wir freuen uns, mit Miriam und Nico zwei Officials in unseren Reihen zu haben, die die großen TV-Matches leiten und dies zu ihrem Beruf machen konnten. Aber zurück zu Ihrer Frage: Was meine Person angeht, bin ich mit der derzeitigen Kombination aus klassischem Beruf und Hobby sehr zufrieden.

Herr Claußen, wie sollte jemand, der Interesse an einer Schiedsrichterausbildung hat, vorgehen?

TC: Über den DTB (schiedsrichter@tennis.de) oder über das DTSV-Kontaktformular können interessierte Schiedsrichteranwärter Antworten auf ihre offenen Fragen erhalten. Wir haben eine zentrale Ansprechperson, die die Interessenten an ihren Landesverband weiterleitet. Dort finden üblicherweise ein bis zweimal im Jahr Ausbildungslehrgänge statt. Diese werden in der Regel an einem Wochenende abgehalten. Wir raten jedem, der sich eine Tätigkeit als Schiedsrichter*in vorstellen kann, sich für einen Lehrgang anzumelden.

 

Weitere Infos: Wie wird man Linienrichter, Schiedsrichter oder Oberschiedsrichter? Alle Hintergründe dazu gibt es unter auf der Website der Deutschen Tennis Schiedsrichter Vereinigung.

von Deutscher Tennis Bund