Reform-Kritik zieht große Kreise

Reform-Kritik zieht große Kreise

Mittwochnachmittag auf der Altenkirchener Glockenspitze: Auf dem Center-Court spielt die Tschechin Magdalena Pantuckova, nebenan hinter der Tribüne versucht sich Nefisa Berberovic aus Bosnien-Herzegowina an Marie Benoit aus Belgien. Wenige Meter weiter, im angrenzenden SRS-Sporthotel, steht Katharina Gerlach zum Zeitvertreib am Miniatur-Billardtisch. Gerlach wartet – auf ihre Chance, als „Lucky-Loser“ der dritten Qualifikationsrunde im Falle einer spontanen Absage vielleicht doch noch ins Hauptfeld der „AK ladies open“ zu rutschen. „Ein bisschen warte ich noch. Dann reise ich ab.“
Nach dem Reglement der Vorjahre wäre die 21-Jährige nur haarscharf am 32er-Hauptfeld vorbeigeschrammt, inzwischen rückt der direkte Einzug ins Hauptfeld in größere Ferne. Nicht, weil Gerlach sich verschlechtert hätte – im Gegenteil. Gegenüber Ende 2017 steht sie in der Weltrangliste 30 Positionen weiter oben, aktuell auf Rang 349. Und trotzdem wird es immer schwieriger, seinen Platz zu finden, weil die ITF seit Jahresbeginn Turnieren der Altenkirchener Größenordnung nur noch 17 Spielerinnen (und damit fünf weniger als bis 2018) die Möglichkeit einräumt, über die Weltrangliste reinzukommen. Stattdessen wird einem Quintett „auf die Sprünge geholfen“, das im neuen ITF-Ranking punktet. Diese Wertung berücksichtigt bei mit bis zu 15 000 Dollar dotierten Turnieren gesammelte Zähler. „Gerade junge Spielerinnen sollen so die Möglichkeit bekommen, es in Felder zu schaffen“, erklärt Patrick Mackenstein, der Supervisor der „AK ladies open“.
In Altenkirchen haben sich Anastasiya Shoshyna (Ukraine), Lara Salden (Belgien), Nefisa Berberovic (Bosnien-Herzegowina), Oana Georgeta Simion (Rumänien) und Magdalena Pantuckova (Tschechien) über das ITF-Ranking qualifiziert. Dass sie ihre Chance durchaus verdient haben, machten Shoshyna und Salden am Dienstag deutlich, die ihre in der Weltrangliste 400 Plätze besser positionierten Gegnerinnen Cristina Bucsa (Spanien) beziehungsweise Natalija Kostic (Serbien) nach großem Kampf bezwangen, während Berberovic, Simion und Pantuckova in der ersten Runde scheiterten. Für Spielerinnen wie Shoshyna, die gegen Bucsa zwei Matchbälle abwehrte und nach 2:50 Stunden als Siegerin feststand, ist die neue Chance ein Segen auf dem möglichen Weg nach oben.
Aber es gibt auch die Kehrseite der Medaille. „Ich höre momentan bei diversen Turnieren überall immer wieder, dass sich Spielerinnen beklagen, über die Weltrangliste nicht mehr in die Felder zu kommen“, berichtet Supervisor Mackenstein. „Gerade jetzt in dieser Jahreszeit gibt es nur wenige Turniere. Da ist es besonders hart“, bewertet Katharina Gerlach die neuen Regelungen sehr kritisch und ist damit bei weitem nicht allein: „Ich höre kaum jemanden, der es anders einschätzt. Wir Spielerinnen äußern uns auf sozialen Netzwerken hierzu deutlich und hoffen, bei der ITF Gehör zu finden, haben auch schon Briefe an die ITF geschickt.“ Die Essenerin bezieht sich mit ihren deutlichen Worten nicht nur auf das neue ITF-Ranking, sondern auch auf die kleineren Qualifikationsfelder und die Neuerung, dass das Einzelranking in der Einstufung von Doppelkonkurrenzen maßgebend ist. „Für Doppelspezialistinnen, bei denen es auf ganz andere Fähigkeiten ankommt, ist diese Situation schwierig. Sie haben sich alles erarbeitet, und dann stellt sich die Frage: Was machst du aus deiner Karriere?“
Den Weg, vermehrt auf 15 000-Dollar-Turniere zu setzen, schließt Katharina Gerlach für sich aus, denn: „Da gibt es keine Punkte für die Weltrangliste, und dieses Ranking will man ja nicht aufs Spiel setzen. Es bleibt nur zu hoffen, bei 25 000er- und 60 000er-Turnieren reinzukommen. Man fragt sich, ob man es riskiert und anreist oder nicht.“ Wie es für die 21-Jährige weitergeht? „Ich habe für das Rasenturnier ab dem 4. März in Mildura in Australien gemeldet. Sonst komme ich momentan nirgendwo rein.“ Australien bedeutet aber auch wieder hohe Reisekosten…