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Der Pokal geht nach Fernost

„Ich liebe dieses Turnier, ich liebe den Court in Altenkirchen und ich liebe deutsches Bier“, Shuyue Ma hat vom ersten Deutschlandbesuch in ihrem 19 Jahre langen Leben nur Gutes mitgenommen. Viele Eindrücke, 50 Weltranglistenpunkte, ein Preisgeld von 3935 Dollar und einen schicken Pokal. Die Chinesin gewann am Sonntagnachmittag das Finale der sechsten AK ladies open gegen Maryna Zanevska aus Belgien mit 6:4, 5:7 und 7:5. Es war ihr erster Turniersieg überhaupt im internationalen Tenniszirkus. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier gewinnen kann. Aber ich habe in jedem Spiel gekämpft und jetzt habe ich es“, jubelte die Nummer 321 der Weltrangliste bei der Siegerehrung.
Wieder schaffte es in der Kreisstadt eine Spielerin auf den Thron, mit der niemand gerechnet hatte. Im Finale gehörte Zanevska, an Position zwei gesetzt und die Nummer 189 im WTA-Ranking, auf dem Papier die Favoritenrolle, aber die spielt im Westerwald wie die vergangenen Jahre hinlänglich bewiesen haben, keine Rolle. „Großer Respekt vor Shuyue Ma. Sie hat super gespielt“, gratulierte Zanevska ihrer Widersacherin, war nach den Erfahrungen der Turnierwoche allerdings nicht enttäuscht über die Finalniederlage: „Es war ein schwerer Weg für mich. Ich hätte schon im Viertelfinale ausscheiden können.“ Und dann war da ja noch das Halbfinale am Samstag gegen die polnische Qualifikantin Maja Chwalinska, als sie zu Beginn des zweiten Satzes mit Kreislaufproblemen zu Boden ging. „Ich habe hart gekämpft, war froh, dass ich nicht in den dritten Satz musste und weiß nicht, wie ich den geschafft hätte.“
2:08 Stunden standen lang sich Ma und Zanevska vor der vollen Tribüne auf der Altenkirchener Glockenspitze im Finale gegenüber. Noch kein Endspiel zuvor bei den AK ladies open ging über drei Sätze, noch keines dauerte so lange, noch keines verlief so spannend. „Wir haben den krönenden Abschluss einer super Turnierwoche gesehen“, schwärmte Turnierdirektor Razvan Mihai. Der schon auf die siebte Auflage im Februar 2020 hinfiebert, für die der Weltverband ITF schon jetzt die Lizenz vergeben hat. „Notieren sie sich die AK ladies open am besten als Dauertermin im Kalender“, gab SRS-Gesamtleiter Hans-Günter Schmidts den Tennisfans mit auf den Weg.
Sie nahmen Eindrücke von einem Endspiel mit, das beide Spielerinnen hätten gewinnen können. Ma profitierte im ersten Satz von einem Break im zehnten und letzten Spiel zum 6:4, während in Durchgang Nummer zwei Zanevska zum 6:5 breakte und anschließend ihren Service zum Satzausgleich durchbrachte. Im Entscheidungssatz entwickelte sich ein munteres Break-Festival. Ma hatte beim Stand von 5:4 drei Matchbälle, konnte diese allerdings allesamt nicht nutzen. Zanevska servierte, als sie es musste stark und vertagte die Entscheidung. Die fiel drei Aufschlagspiele später. Die Chinesin verwertete ihre vierte Möglichkeit zum größten Erfolg ihrer Laufbahn, der sie in der Weltrangliste so weit nach vorne spülen wird, wie sie zuvor noch nie stand.
Die Reise der Turniersiegerin geht aus Altenkirchen weiter in Richtung Frankreich. Als nächstes schlägt sie in Macon auf. Ist dort um ihren ersten Turniergewinn und viele Erfahrungen reicher. Unter anderem die Erfahrung mit dem deutschen Bier. Noch auf dem Platz stießen Ma und SRS-Organisationsleiter Sigi Paulat bei der Siegerehrung an. Das Duell um den größeren Schluck entschied Ma für sich. Genauso wie das dramatische Endspiel zuvor.
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Ma und Zanevska im Finale

Mit 6:1 hatte Maryna Zanevska den ersten Satz gegen Maja Chwalinska im gestrigen Halbfinale der AK ladies open gerade für sich entschieden, und alles deutete auf einen relativ lockeren Einzug der Belgierin ins Finale hin, aber auf einmal stand alles auf der Kippe. Im ersten Aufschlagspiel des zweiten Durchgangs ging Zanevska mit Kreislaufproblemen zu Boden, nahm sich später noch eine Behandlungspause und biss anschließend auf die Zähne. „Es war heute sehr hart. Ich hatte in der Nacht von Freitag auf Samstag schon nicht gut geschlafen und fühlte mich am Morgen richtig schlecht. Aber ich gebe alles, um Tennis spielen zu können“, sagte die 25-Jährige nach ihrem Zwei-Satz-Sieg gegen Chwalinska. Wesentlich knapper als der erste endete der zweite Satz (7:5 im Tiebreak) – aber Zanevska war es am wichtigsten, dem dritten aus dem Weg gegangen zu sein, denn: „Ich hätte nicht gewusst, ob und wie ich den geschafft hätte.“

Dieser dritte Satz wäre möglicherweise die große Chance der erst 17-jährigen Qualifikantin Chwalinska gewesen, die versuchte, die angeschlagene Zanevska ins Laufen zu bringen. Wer dachte, die junge Polin wäre mit dem Erreichten froh, sah sich getäuscht. Mit Tränen in den Augen trat sie ans Mikrofon. „Ich kann besser spielen als ich es heute gezeigt habe und bin traurig, dass es nicht gereicht hat.“ Chwalinska bedankte sich bei den Altenkirchener Turniermachern – wie eigentlich alle Spielerinnen – für eine großartig organisierte Woche, machte jedoch auch deutlich, dass sie großen Ehrgeiz und Ambitionen hat. Ob sie nächstes Jahr wieder käme? „Ich würde lieber auf größerer Bühne, bei größeren Turnieren spielen“, sagte sie und schmunzelte. Die Tränen standen trotzdem weiterhin in ihren Augen.
Der Lohn für Maryna Zanevskas Durchhaltevermögen: Nachdem sie im vergangenen Jahr bereits krankheitsbedingt das Halbfinale aufgeben und das Doppel-Endspiel absagen musste, kann sie nun nach der großen Trophäe in Altenkirchen greifen. Zanevska und die Chinesin Shuyue Ma schließen die sechste Auflage des mit 25.000 Dollar dotierten Weltranglistenturniers ab. Ma, die im Westerwald ihr erstes Turnier in Deutschland absolviert, kennt Zanevska nicht – das Gleiche gilt in umgekehrter Richtung. „Aber wer hier im Finale steht, befindet sich in einer guten Verfassung“, erwartet die an Nummer drei gesetzte Belgierin mit ukrainischen Wurzeln einen umkämpften Turnierabschluss. Ma macht sich derweil keinen Kopf. Die 19-Jährige genießt es, so weit gekommen zu sein. „Ich werde versuchen gutes Tennis zu spielen. Im Halbfinale ist mir das gelungen. Auch, weil so viele Zuschauer da waren“, erzählt die junge Frau aus Peking und beginnt so freundlich und herzerfrischend zu lächeln, wie sie in den vergangenen Tagen in Altenkirchen die Herzen vieler im Sturm erobert hat. Shuyue Ma ist der Gute-Laune-Faktor auf den Courts des SRS-Sportparks, sie begeistert mit ihrer unbekümmerten, natürlichen Art. „Sie ist hier, um dazuzulernen und ihr Spiel weiterzuentwickeln. Wir schauen nicht auf die Ergebnisse“, erzählt Mas rumänischer Trainer Iulian Vespan, für den es inzwischen schon Tradition geworden ist, nach den Siegen seines Schützlings von diesem noch auf dem Platz herzlichst umarmt zu werden. „Er ist mein Trainer – mein guter Freund“, erzählt Ma. Wer beide sieht, bekommt sofort vor Augen geführt, dass diese Spielerin genau weiß, dass sie ihrem Trainer viel zu verdanken hat.
Auch nach der Vorschlussrundenpartie stürmte Ma auf Vespan zu, schloss ihn strahlend in die Arme, nachdem sie die Belgierin Marie Benoit mit 6:4 und 6:2 besiegt hatte. Benoit brachte nur zwei von neun (!) Aufschlagspielen durch und nutzte ihrerseits lediglich 4 von 13 Breakchancen. Ma war konsequenter. Sie verwertete sieben von neun Chancen, ihrer Gegnerin den Service abzunehmen. „Sie hat gut und druckvoll gespielt“, sprach Benoit der Chinesin einen verdienten Sieg zu.

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Busca und van der Hoek gewinnen

Der letzte Ball des Doppelendspiels von Altenkirchen passte symbolisch für die komplette Begegnung ganz knapp über die Netzkante. Mit 5:7, 6:3 und 12:10 im Match-Tiebreak setzten sich Rosalie van der Hoek (Niederlande) und Cristina Bucsa (Spanien) gegen Marie Benoit (Belgien) und Katarzyna Piter (Polen) durch. „Es war sicherlich kein gutklassiges Finale. Aber wir freuen uns natürlich sehr über den Sieg“, sagte van der Hoek, die den dritten Matchball per Netzroller verwertete. Van der Hoek war seit der ersten Runde von Oberschenkelproblemen gehandicapt, kämpfte sich allerdings durch.
Ihre im Alter von drei Jahren aus Moldawien nach Spanien umgesiedelte Mitstreiterin Bucsa hat auf der Glockenspitze das siebte ITF-Finale ihrer Karriere bestritten. „Es war mein schönstes“, ordnete sie den Erfolg ganz weit oben ein in ihrer Erfolgsliste ein. Die Unterlegenen, die ihr erstes Turnier als Doppel absolvierten, haderten. „Das war heute nicht unsere beste Leistung“, so Marie Benoit.

Rene Weiss